125 Jahre Messingwerk Plettenberg – Tradition seit 1902

Einleitung

1902 wurde das Messingwerk Plettenberg gegründet. Im Jahr 2027 blicken wir auf 125 Jahre zurück, in denen aus einem kleinen Betrieb an der Lenne einer der technisch fortschrittlichsten Hersteller von Präzisionsbändern und -rohren in Europa geworden ist. Fünf Generationen von Mitarbeitenden haben in dieser Zeit Messing geschmolzen, gewalzt, gezogen, geglüht und geschweißt – durch zwei Weltkriege, Wirtschaftskrisen und mehrere technologische Umbrüche hindurch. Ein Jubiläum, das wir vor allem unseren Kunden, Mitarbeitenden und Partnern verdanken.

Die Anfänge an der Lenne (1870–1902)

Die Wurzeln unseres Unternehmens reichen weiter zurück als das Gründungsjahr 1902. Bereits 1870 entstand am heutigen Standort in Plettenberg-Eiringhausen die Firma Geck & Schmidt, die 1885 ihre Fabrik am Ufer der Lenne errichtete. Die Lage war kein Zufall: Der Fluss, der in einem weiten Bogen um den Ortskern von Eiringhausen fließt, lieferte die Energie für den Betrieb – zunächst über Wasserräder, die direkt auf die Maschinen wirkten, später über eine Turbine.

In Tiegeln wurden bei Geck & Schmidt Messingplatten von rund 20 Kilogramm gegossen und anschließend zu Messingdraht und -blechen weiterverarbeitet. Es war eine Fertigung im Handwerksmaßstab, aber sie legte den Grundstein für alles, was folgte.

Gründung und Aufbau (1902–1920)

1902 wurde das Messingwerk Plettenberg als GmbH gegründet und übernahm den Betrieb von Geck & Schmidt. Die Tradition der Messingverarbeitung wurde fortgeführt – unter den technischen Bedingungen der Zeit: Ein Warmwalzen der Messingplatten war wegen des hohen Bleigehalts und des fehlenden Feinzinks noch nicht möglich, sodass sämtliches Material kaltgewalzt wurde.

Die ersten Jahrzehnte waren von raschem technischem Fortschritt geprägt:

  • 1908 wurde die Gießerei ausgebaut und mit Tiegel-Schachtöfen ausgestattet. Als Vormaterial goss man nun 25 Millimeter starke Platten in Kokillen. Aus dieser Zeit stammt auch der hohe Schornstein, der über Jahrzehnte das Ortsbild von Eiringhausen prägte. Zugleich entstanden die Voraussetzungen, um die ersten Rohre zu gießen: Rohlinge mit 80 bis 120 Millimetern Durchmesser wurden über einen mitlaufenden Dorn auf Fertigmaß gezogen.
  • 1912 begann die Weiterverarbeitung des Walzmaterials zu Treppenschienen. Messingrohre wurden damals auch aus gewalzten Blechen in einem aufwendigen Lötverfahren hergestellt und in der neu eingerichteten Rohrzieherei weitergezogen.
  • 1920 wurde die Gießerei erneut umgebaut und auf elektrische Ajax-Öfen umgestellt. Wassergekühlte Kokillen erlaubten höhere Gießgewichte. Ein neues, wasserkraftbetriebenes Warmwalzgerüst und mehrere Kaltwalzwerke verarbeiteten nun beachtliche Plattengewichte zu fertigen Messingblechen. In der Rohrfertigung lieferte eine Presse erstmals nahtlose Pressrohre als Vormaterial für den Rohrzug.

Die Verbindung zur Wasserkraft blieb dabei lange bestehen: Um 1929 wurde auf dem Werksgelände eine Francis-Schachtturbine mit 100 Kilowatt Leistung installiert, die bis ins 21. Jahrhundert in Betrieb war.

Krisenfest durch schwere Zeiten (1920–1955)

Über die Jahre der Weltwirtschaftskrise, des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs liegen uns nur wenige Aufzeichnungen vor. Was die Quellen jedoch deutlich zeigen: Das Messingwerk kam durch diese Zeit, ohne seine Belegschaft zu verlieren. Als das Unternehmen am 21. Juni 1952 sein 50-jähriges Bestehen im Saal Alberts feierte, standen 32 Jubilare mit dem Betrieb im Mittelpunkt – darunter fünf Mitarbeiter, die seit der Gründung 1902 dabei waren, und der damalige Werksdirektor, der den Betrieb bereits seit über 40 Jahren leitete. Die Gewerkschaft IG Metall bescheinigte dem Unternehmen damals, sich als krisenfest erwiesen zu haben.

Die Jubiläumsfeier von 1952 zeigt auch, wie früh soziale Verantwortung zum Selbstverständnis des Werks gehörte: Aus Anlass des Jubiläums beschloss die Werksleitung, allen Beschäftigten mit mindestens 25 Dienstjahren einen Zuschuss zur Altersrente zu gewähren. Der damalige Bürgermeister hob zudem den Bau von Werkswohnungen hervor. Die Westfalenpost sprach von einer „vorbildlichen Werksgemeinschaft“.

Familienbesitz und Modernisierung (1955–2000)

1955 wurde das Werk von neuen Eigentümern erworben und in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Dieselbe Familien hält das Messingwerk bis heute – inzwischen teilweise in dritter Generation. Diese über 70 Jahre ununterbrochene Kontinuität im Eigentum ist eine Konstante, die bis heute prägt, wie wir Entscheidungen treffen. In den folgenden Jahrzehnten wurde umfangreich in Gebäude und Maschinen investiert. In Induktionsöfen wurden nun Platten und Stangen verschiedener Legierungen mit hohen Einzelgewichten gegossen, ein Labor überwachte den Reinheitsgrad des Gussmaterials, und eine 1000-Tonnen-Rohrpresse lieferte das Vormaterial für Fertigrohre vieler Legierungen und Abmessungen. Bereits Anfang der 1970er Jahre belieferte das Werk die Elektrotechnik ebenso wie die Schmuck- und Metallwarenindustrie, die Optik, die Feinmechanik und den Maschinen- und Apparatebau – im In- und Ausland.

Zwei Entwicklungen sollten das Unternehmen langfristig prägen: Die Konzentration auf Präzisionsbänder anstelle von Blechen und – um das Jahr 2000 – der Wechsel vom gepressten und gezogenen Rohr zum hochfrequenzgeschweißten Rohr. Mit einer selbst entwickelten Anlage, die aus dem eigenen Messingband Rohre in einem einzigen Arbeitsschritt fertigt – wo früher 15 Schritte nötig waren –, wurde das Messingwerk zum europaweit einzigen Hersteller, der Messingrohre schweißt statt presst oder zieht. Heute werden diese Rohre und Profile unter der Marke MOTEC® vertrieben.

Die größten Investitionen der Firmengeschichte (2000–2015)

Die Jahre nach dem 100-jährigen Jubiläum 2002 gehören zu den investitionsstärksten der Unternehmensgeschichte. In diesen Jahren wurde der Standort Schritt für Schritt zu einem der modernsten Bandwalzwerke Europas ausgebaut:

  • 2004/2005 entstand auf dem verfüllten Obergraben eine rund 1.500 Quadratmeter große neue Walzenhalle für ein zweites Walzgerüst des Herstellers RTK – mit rund 6,5 Millionen Euro die damals größte Einzelinvestition der Firmengeschichte. Die neue Walzstraße walzt 400 Millimeter breite Bänder auf bis zu 0,06 Millimeter herunter, bei bis zu 900 Metern pro Minute – dreimal so schnell wie die Vorgängeranlage. Sie war die weltweit erste Walze dieser Bauart.
  • Im Zuge dieses Neubaus endete nach rund 75 Jahren die Ära der eigenen Wasserkraft: Die Francis-Turbine musste auf behördliche Anordnung abgebaut werden und erzeugt heute an der Werra in Thüringen Strom für eine Getreidemühle. Das Wehr in der Lenne wurde an den Märkischen Kreis übertragen. Lennewasser nutzt das Werk weiterhin – als Kühlwasser, rund 55 Liter pro Sekunde.
  • 2006 beschäftigte das Messingwerk rund 120 Mitarbeitende, darunter 14 Auszubildende, und war eines von nur noch drei reinen Messingwerken in Deutschland. Bei einem Tag der offenen Tür konnten Mitarbeitende und ihre Familien die neuen Anlagen besichtigen.
  • 2010/2011 folgte ein Projekt, das weit über Plettenberg hinaus Beachtung fand: Weil das Werksgelände zwischen Bundesstraße und Bahnlinie keinen Platz für eine Erweiterung in die Breite bot, wuchs das Messingwerk in die Höhe. Ein 25,40 Meter hoher Vertikal-Blankglühofen des österreichischen Ofenbauers Ebner wurde mitten im Werkskomplex errichtet – eine weltweit neuartige Anlage, in der Messingbänder senkrecht unter einer Schutzgasatmosphäre aus 70 Prozent Wasserstoff und 30 Prozent Stickstoff geglüht werden. Dadurch entfallen das Entfetten vor und das Beizen nach der Wärmebehandlung vollständig. Die Anlage spart jährlich rund 880 Megawattstunden Erdgas und 535 Megawattstunden Strom und reduziert den Chemikalienverbrauch um etwa 90 Prozent. Das Bundesumweltministerium förderte das rund 3,95 Millionen Euro teure Vorhaben mit 850.000 Euro aus dem Umweltinnovationsprogramm; 2014 wurde das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Für die Versorgung der Anlage wurden 2011 ein 100.000-Liter-Wasserstofftank und ein neuer Stickstofftank per Schwertransport mit Polizeieskorte angeliefert.
  • 2015 übernahm das Messingwerk die Friederici Oberflächenveredelung GmbH aus Iserlohn, die heutige mevega.

Auf dem Weg ins Jubiläumsjahr (2025–2027)

Auch unmittelbar vor dem Jubiläum setzt sich die Investitionsgeschichte fort. 2025 haben wir in neue Glühhauben investiert und damit die Wärmebehandlung unserer Bänder weiter modernisiert. 2026 folgen grundlegende Investitionen in die Walzgerüste – das Herzstück des Walzwerks. Damit gehen wir technisch auf dem neuesten Stand in unser 125. Jahr.

Vom Halbzeug zur Präzision – das Messingwerk heute

Heute umfasst der Standort an der Reichsstraße eine eigene Gießerei, ein Walzwerk und ein Rohrwerk – die vollständige Wertschöpfungskette vom Schmelzen bis zum fertigen Halbzeug. Diese Fertigungstiefe macht uns unabhängig von Vorlieferanten und erlaubt es, Qualität und Liefertermine aus einer Hand zu garantieren. Rund 20.000 Tonnen Band und 1.500 Tonnen Rohr verlassen jährlich das Werk; im Bereich hochfrequenzgeschweißter Messingrohre sind wir deutscher Marktführer und der führende europäische Hersteller.

Unsere Präzisionsbänder aus Messing, Tombak, Kupfer und weiteren Kupferlegierungen gehen an Kunden in der Elektrotechnik und Elektronik, der Automobilzulieferindustrie und der Sanitärbranche – vom Mittelständler bis zum internationalen Konzern. Sie stecken in Steckverbindern und Sicherungsautomaten, in Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen und Armaturen. Mit knapp 200 Mitarbeitenden und einem eigenen Fuhrpark beliefern wir Kunden in vielen Ländern Europas. Schrotte nehmen wir zurück und schmelzen sie in der eigenen Gießerei wieder ein – ein geschlossener Kreislauf, der lange vor dem Begriff „Circular Economy“ zum Alltag des Werks gehörte.

Konzernunabhängig und langfristig

Das Messingwerk ist bis heute ein mittelständisches, konzernunabhängiges Unternehmen in Familienbesitz. Da wir weder Banken noch externen Kapitalgebern verpflichtet sind, richten wir unsere Entscheidungen nicht an Quartalszahlen aus, sondern an der langfristigen Entwicklung des Unternehmens. Der weitaus größte Teil unserer Erträge fließt seit Jahrzehnten in die Modernisierung der Fertigung – die Investitionsgeschichte der vergangenen 20 Jahre belegt das eindrucksvoll.

Auch ökologische Verantwortung verstehen wir als Teil dieser Langfristigkeit. Unser integriertes Managementsystem ist nach ISO 9001 und – für die Anforderungen der Automobilindustrie – nach IATF 16949 zertifiziert; seit vielen Jahren kommt die Umweltmanagementnorm ISO 14001 hinzu, seit 2012 die Energiemanagementnorm ISO 50001. Der wasserstoffbetriebene Vertikalglühofen war 2011 ein Pionierprojekt – heute ist er ein Beispiel dafür, wie sich Ressourceneffizienz und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen.

Verlässlichkeit als Leitwert

Was sich in 125 Jahren nicht geändert hat, ist der Anspruch, auf den sich unsere Kunden verlassen können: gleichbleibend hohe Qualität, große Flexibilität bei individuellen Anforderungen und Termintreue in der Lieferung.

Verlässlichkeit gilt aber auch nach innen. Schon 1952 feierten fünf Mitarbeiter ihr goldenes Arbeitsjubiläum gemeinsam mit dem Unternehmen – sie waren seit der Gründung dabei. Heute sind viele unserer Kolleginnen und Kollegen seit über 30 Jahren im Unternehmen und geben ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter. In der Regel bilden wir rund 15 Auszubildende in fünf Berufen aus; viele unserer heutigen Führungskräfte haben ihr Berufsleben als Azubis im Messingwerk begonnen. Dieser Zusammenhalt, den die Westfalenpost vor 75 Jahren „Werksgemeinschaft“ nannte, ist bis heute in allen Bereichen spürbar.

1870–1902

Die Anfänge an der Lenne

  1. 1870

    Gründung von Geck & SchmidtAm heutigen Standort in Plettenberg-Eiringhausen entsteht der Vorgängerbetrieb.

  2. 1885

    Fabrik am Ufer der LenneWasserräder treiben die Maschinen an, später übernimmt eine Turbine. In Tiegeln werden 20-kg-Messingplatten gegossen und zu Draht und Blech verarbeitet.

1902–1920

Gründung und Aufbau

  1. 1902

    Gründung des Messingwerks PlettenbergDie neue GmbH übernimmt den Betrieb von Geck & Schmidt und führt die Messingverarbeitung fort – zunächst ausschließlich im Kaltwalzverfahren.

  2. 1908

    Ausbau der GießereiTiegel-Schachtöfen, 25 mm starke Platten in Kokillen und der Bau des hohen Schornsteins. Erstmals werden Rohre gegossen und über einen Dorn auf Fertigmaß gezogen.

  3. 1912

    Treppenschienen und RohrziehereiDas Walzmaterial wird zu Treppenschienen weiterverarbeitet; eine eigene Rohrzieherei entsteht.

  4. 1920

    Elektrische Ajax-ÖfenUmbau der Gießerei, wassergekühlte Kokillen, neues Warmwalzgerüst mit Wasserkraftantrieb und erste nahtlose Pressrohre.

  5. um 1929

    Francis-SchachtturbineEine 100-kW-Turbine versorgt das Werk mit Strom aus der Lenne – bis ins 21. Jahrhundert.

1952–1955

Werksgemeinschaft und Familienbesitz

  1. 1952

    50 Jahre Messingwerk32 Jubilare feiern mit, fünf davon seit der Gründung dabei. Das Werk führt einen Rentenzuschuss für Beschäftigte mit mindestens 25 Dienstjahren ein.

  2. 1955

    Übernahme durch die heutige EigentümerfamilieUmwandlung in eine Kommanditgesellschaft. Es folgen Induktionsöfen, ein eigenes Labor und eine 1000-Tonnen-Rohrpresse.

2000–2015

Die größten Investitionen der Firmengeschichte

  1. um 2000

    Hochfrequenzgeschweißte RohreMit einer selbst entwickelten Anlage werden Rohre aus dem eigenen Band in einem einzigen Arbeitsschritt gefertigt – heute unter der Marke MOTEC®.

  2. 2002

    100 Jahre Messingwerk

  3. 2004bis 2005

    Neue Walzenhalle und zweites WalzgerüstRund 6,5 Millionen Euro für die weltweit erste Walze ihrer Bauart: 900 Meter pro Minute, Banddicken bis 0,06 mm. Die Ära der eigenen Wasserkraft endet.

  4. 2010bis 2011

    25 Meter hoher Vertikal-BlankglühofenGlühen unter Wasserstoff-Schutzgas: rund 90 Prozent weniger Chemikalien, deutlich weniger Energie. Gefördert aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundes.

  5. 2014

    Abschluss des Umweltinnovationsprojekts

  6. 2015

    Übernahme der Friederici Oberflächenveredelung GmbHDas Iserlohner Unternehmen – heute mevega – wird Teil der Gruppe.

2025–2027

Auf dem Weg ins Jubiläumsjahr

  1. 2025

    Neue GlühhaubenDie Wärmebehandlung der Bänder wird weiter modernisiert.

  2. 2026

    Grundlegende Investitionen in die WalzgerüsteDas Herzstück des Bandwalzwerks wird auf den neuesten Stand gebracht.

  3. 2027

    125 Jahre Messingwerk PlettenbergWir feiern gemeinsam mit Kunden, Partnern, Mitarbeitenden und der Stadt Plettenberg.